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Jakobsweg – Der Weg, Reisebericht & Fazit

Nun, seien wir ehrlich, der Jakobsweg ist kein Wanderweg, und alle wussten es, nur ich nicht. Jetzt weiß ich es auch, also habe ich etwas gelernt, nicht nur über den Camino, sondern auch über mich und meine Erwartungen, Bedürfnisse und meine nicht vorhandene Geduld.

the Pyrenees

Grob gesagt war mein Grund für die angestrebte Jakobswegwanderung ab etwa Anfang März, Flucht. Nach etwa einem Jahr reisen, wandern und campen in den und durch die USA, kam ich Ende Februar wieder nach Hause, nach Deutschland. Ich weiß nicht, wie es euch nach so einer langen Zeit Fernreise geht, aber für mich war es unglaublich schwer, wieder anzukommen und ist es immer noch. Im Februar war ich einfach noch nicht in der Lage, mich dem zu stellen und nutzte die Chance, nach ein oder zwei Wochen mit Hilfe meines Vaters und seines alten Campervan wieder von „Zuhause“ loszuziehen. Sein Urlaubsplan war ein Roadtrip bis nach Gibraltar und zurück. Ich dachte nur, ouh Spanien, da ist der Jakobsweg und im März sollte es dort auch schon warm oder wärmer sein, hm. Das war im Grunde der komplette Gedankenprozess hinter der Idee. Um ehrlich zu sein, habe ich nur ein bisschen über den Jakobsweg gelesen, ich habe mit Leuten gesprochen, die vorher den Jakobsweg gelaufen sind, und auch zuvor Fernwanderwege in den USA gewandert sind. Das war es dann auch, ich habe mich nicht viel mehr vorbereitet und jetzt weiß ich, dass ich das Ganze total unterschätzt habe. Der Weg ist wesentlich flacher als ich dachte, es gibt viel mehr Streckenabschnitte entlang oder auf der Straße, als man sich wünschen würde, es war viel kälter als erwartet (ungewöhnlich kalt für Spanien) und es gab viel weniger Möglichkeiten zum wild campen, als ich mir erhofft hatte. Das sind fasst ziemlich genau die Gründe, warum ich den Camino nach nur 6 Wandertagen verlassen habe, abgesehen davon, dass ich mein Knie und meinen Knöchel, durch eine zu schnelle Erhöhung der täglichen Kilometerzahl auf ungewohntem Terrain, überreizt habe.

Am Ende bin ich 205 km auf dem Camino Francés von St. Jean Pied de Port in Südfrankreich nach Cirueña in Spanien gewandert. Dort beschloss ich, den Jakobsweg zu verlassen und die Chance zu nutzen, mit meinem Vater wieder nach Deutschland zurück zu fahren. Das hat die Entscheidung sicherlich sehr viel leichter gemacht.

Der Jakobsweg war also nicht mein Weg, aber natürlich ist nicht alles schlecht. In der Tat gibt es einige Dinge, die du beachten solltest, wenn du darüber nachdenken solltest, den Jakobsweg irgendwann selbst zu wandern.

Menschen & Trail Mentalität

  • Die kleinen Städte sind wunderschön und authentisch. Die Spanier sind sehr hilfsbereit und freundlich. Es ist leicht zu trampen, besonders wenn die Leute dich als Pilger identifizieren können, zum Beispiel wenn du die Jakobswegmuschel an deinem Rucksack befestigt hast.
  • Wenn die Sonne scheint, ist das Gras hier grüner und der Himmel viel blauer als sonst irgendwo, kein Scherz.
  • Die Menschen, die den Camino wandern sind super freundlich und herzig, jeder will Spaß und vielleicht etwas Zeit für sich selbst haben. Es geht ganz und gar nicht um die Kilometerzahl, die man pro Tag macht. Es gibt keine Konkurrenz, wie man sie manchmal auf US-Fernwanderwegen sieht oder empfindet. Außerdem tragen viele Leute ihr Gepäck nicht selbst und mieten einen Bustransfer für das Gepäck. Das tut einfach nichts zur Sache.

Kosten

  • Ein Pilgermenü beginnt bei ca. 10 Euro und man erhält ein 3-Gänge-Menü kombiniert mit einer Flasche Wein.
  • Die Preise für ein Bett in einem Hostel beginnen bei 5 bis 7 Euro (Ausstattung und Komfort variieren). Auf dem Weg findet man günstiges und gutes Essen (Brot, Käse, Tortilla, ..) und bekommt in jeder Stadt einen Kaffee für ca. 1,50 Euro.

Trail Zustand und Navigation

  • Ja, es wird viel auf Straßen oder entlang von Straßen gelaufen. Ich mag es sehr gerne alleine zu wandern, aber auf diesen langen flachen Straßen war ich immer glücklich, wenn ich einen Begleiter hatte, mit dem ich reden und den Weg tatsächlich, vergessen konnte. Auf dem Jakobsweg kann ein Wanderpartner also durchaus nett sein.
  • Die Navigation ist einfach und Handyempfang ist so gut wie überall verfügbar. Wenn du keinen Reiseführer mit schleppen möchtest, obwohl dein Rucksack super leicht sein wird, schau einfach in dem App Store deines Vertrauens nach. Es gibt jede Menge Camino-Apps. Falls du die „Guthook“-Apps schon aus den Staaten kennst, wirst du dich freuen, denn es gibt von Atlas-Guides auch eine Jakobsweg-App mit Offline Karten- und Datenfunktion.
  • Wenn du dich, wie ich, selbst gerne pushst…, mach trotzdem langsam, gehe gemütlich spazieren und genieße die Kaffeepausen so oft wie möglich. Der flache Asphalt hat es mir leicht gemacht, schnell zu gehen und wahrscheinlich einen falschen Schritt einzunehmen, mit bösen Folgen.

Must-Have Ausrüstung (wenn du aus dem Ultraleichtsektor kommst)

  • Camp-Schuhe (Flip-Flops): In jedem Hostel musst du deine Wanderschuhe fast direkt an der Tür ausziehen und deine Camp-Schuhe im Rest des Hauses benutzen, was so ziemlich immer mit kalten Fliesenböden ausgestattet ist – ich muss das erwähnen, weil ich nicht daran gedacht habe :-).
  • Ohrstöpsel mitbringen: Wenn du in Herbergen übernachtest, wird es mit Sicherheit immer eine Person geben, die schnarcht.

Erwartungen

Zu guter Letzt, sei dir bewusst, was du willst und was du von einer Wanderung in Spanien erwartest. Der Jakobsweg ist ein Pilgerweg und viele Leute wollen eine Antwort finden, wenn sie sich auf diesen Weg begeben. Erwarte nicht, dass alle während dem Wandern mit dir laufen oder reden möchten, denn sie sind schwer am Nachdenken. In den Hostels und in den Pausen möchte aber fast jeder Gesellschaft haben und eine Flasche Wein teilen ;).

SJPDP-start of the camino
St. Jean Pied de Port in Südfrankreich – hier nimmt der Jakobsweg seinen Lauf
Eiszapfen in Roncevalles
Ziemlich kalt hier in den Pyrenäen auf etwas unter 1000 Meter Höhe (Roncevalles)
Eine Jakobsweg Pilgerin
Kata, meine Wanderfreundin, seit dem ersten Jakobsweg-Tag. Mit ihren langen Beinen ist sie mir immer wieder davon gelaufen, aber die Pausen und Abende haben wir gerne zusammen verbracht.
rustikale Tür entlang des Jakobsweges in Spanien
Immer wieder geht es auf dem Jakobsweg durch kleine Dörfer und Städtchen
alto del perdon
Alto del Perdon.
green gras, blue sky
Dieses Grün und Blau könnte nicht satter sein…
olive tree
Olivenbäumen <3
the grass is greener
Auf Richtung Alto del Perdon – und wieder diese Farben
waymarker
Ein typische Jakobsweg-Markierung
spiderweb
Spinnennetz?
church along the camino
Kirchen gibt es definitiv viele entlang des Jakobsweges
vineyard on the camino
In der Morgendämmerung vorbei an Weinreben

camino shell as waymarker
Die Jakobsmuschel als unverwechselbares Wegzeichen
people of the camino
Die Menschen auf dem Jakobsweg – Wie der Vater so der Sohn. Ohne diese beiden und ihre Unterstützung hätte das Ende meines Weges mit dem schmerzenden Knie sicher nicht so spaßig ausgesehen ;-=
house in Belorado, Spain
Hübsches Haus an einem schönen Tag in Belorado
Spring is coming
Und da sieht man ihn doch, den Frühling.

House in Belorado

 

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